Dass die Welt nicht unabhängig von unserem Urteil existiert bzw. dass wir als Beobachter und Beurteiler involviert sind in das Ergebnis unserer Wirklichkeit, vermitteln uns auch die Erkenntnisse der Quantenphysik wie das Phänomen des Welle-Teilchen-Dualismus: Beim Doppelspaltexperiment beispielsweise zeigt sich,dass der Zustand eines Quantums (Photon) von unserer Beobachtung,

Messung und Bewertung abhängt: Aus Welle wird Teilchen. Oder beim Phänomen der parallel korrelierenden Teilchen: Hier stellt man fest, dass just im Moment der menschlichen Messung (Beurteilung) das eine Zwillingsteilchen (an dem die Messung vorgenommen wird) seine spezifische Eigenschaft annimmt und sie auf das Zwillingsteilchen überträgt – dies geschieht in ein und demselben Moment. Die beiden Teilchen könnten theoretisch Millionen von Lichtjahren voneinander entfernt sein. Zeit und Raum haben keinen Einfluss auf dieses Geschehen, wie erst vor kurzem nachgewiesen wurde.

Daraus lässt sich Folgendes schließen: Alles menschliche Bewerten, Erkennen und Urteilen hat Folgen und hat einen Einfluss auf die Gestaltung unserer Wirklichkeit, und diese Gestaltungskraft wirkt unabhängig von Raum und Zeit.

 

Diese Gedanken sind jedoch nicht so neu und ungewöhnlich: Man denke an Emmanuel Kants Feststellung, dass die Welt, wie sie uns erscheint, vom erkennenden Subjekt abhängig ist. Aus diesem Grund nennt Kant die Welt, so wie wir sie erfahren, die „Welt der Erscheinungen“.

Auch die so genannte Santiago-Theorie der beiden südamerikanischen Neurobiologen Huberto Maturana und Francisco Varela geht in diese Richtung. Die Theorie besagt, dass es eine von unserem menschlichen Erkenntnisprozess unabhängig vorgegebene Welt nicht gibt.

 

Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns.

                                                        Humberto R. Maturana

 

Wahrnehmen, Erkennen und Bewerten sind bereits Eingriffe, sind Gestaltung der Wirklichkeit. Erkenntnis ist eben nicht die Darstellung einer unabhängigen, vorgegebenen Welt, sondern sie ist bereits das Hervorbringen derselben. Damit liegt uns eine direkte Parallele zur Bergpredigt vor, in welcher Jesus auf die Macht, ja, die immense gestaltende Kraft unserer Gesinnung hinweist, die wir gegenüber unserem Mitmenschen einnehmen:

 

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

                                                                                          Matthäus 5,7

 

Aber auch umgekehrt wirkt dieses Prinzip:

 

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.                                            Matthäus 7,1–2

 

Auch dies besagt, dass jeder subjektive Vorgang unseres Erkennens, Bewertens und Auswertens eine göttliche Wahrheit, d.h. eine objektive Realität erzeugt, dass all unser menschliches Urteilen und Bewerten Konsequenzen für uns und damit für unsere persönliche Wirklichkeit haben wird. In dieser Hinsicht sind wir in der Lage, entweder bewusst oder unbewusst, entweder schöpferisch oder geistlos, auf unser Dasein einzuwirken. Jesus will bewusst machen, dass Negativurteile eine negative Realität erzeugen, eine Konsequenz, mit der wir uns eines Tages konfrontiert sehen werden.

 

Noch ist nichts endgültig, noch befinden wir uns in einer Welt auf dem Weg von der Sphäre des Fragens und Suchens hin zu einer Sphäre der Findung und Sinnerfüllung, dem Reich Gottes. Dass wir immer wieder revidieren, uns von unseren eigenen Handlungen distanzieren und anderen vergeben können, beweist den gnädigen und barmherzigen Charakter dieses Daseins. Vertrauen wir darauf, dass alle Dinge, jenseits und unabhängig von Zeit und Raum, mit Geist und Sinn erfüllt werden können, sofern wir aufrichtig danach suchen, so werden wir fortan bemüht sein, eine Verurteilung jener Menschen und Geschehnisse zu unterlassen, die wir als ungerecht ansehen oder denen wir ohnmächtig gegenüberstehen. Je größer unser Glaube an den Sinn, desto allumfassender wird die Welt sein, auf die wir uns zubewegen, selbst wenn wir unser physisches Ende vor Augen haben. Vertrauensvolle Gewissheit, dass wir mitgestalten an dem, was Zukunft hat, ist Inhalt des christlichen Glaubens. Wie kraftvoll das Zukünftige sein wird und welchen Platz wir selbst darin einnehmen, das wird davon abhängen, in welcher Weise wir diese Welt, unsere Mitmenschen und dazu unser eigenes Leben beurteilen und bewerten: Vertrauensvoll, barmherzig, großzügig, grenzenlos und frei oder eben argwöhnisch, unversöhnlich, kleinlich und eng. Vor diesem Hintergrund wird auch der folgende Aufruf Jesu verständlich:

 

Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 

                                                                                  Matthäus 5, 43-45

  

 

Auch bei Lao-Tse findet sich dieser Gedanke:

 

Die Erleuchteten haben einen ungebundenen Sinn.

Sie machen das Wollen der Menschen zu ihrem eigenen Wollen:

 

Zu denen die gut sind, bin ich gut

zu denen die nicht gut sind, bin ich auch gut.

Dies ist der Gütigkeit Stärke.                                                             Lao-Tse

 

Erschienen beim:

 

J. Kamphausen Verlag

E-Book  Preis:          € 14,95


Hardcover Preis:    € 19,95

 

350 Seiten

 

ISBN 978-3-941995-99-4

Kurzbeschreibung: 

Undogmatisch, konfessionsunab-

hängig,religionsübergreifend, infor-
mativ und dabei leicht verständlich,

eröffnet dieses Buch dem Leser eine
ungewohnt neue und hochaktuelle
Sicht auf die christlichen Grundaus-
sagen der Bergpredigt und leistet damit einen Beitrag für ein ethisches Verständnis der Botschaft Jesu. Gleichwohl sind die vorliegenden „Essenzen“ mehr als eine reine Ethik. Dem unvoreingenommenen Leser sind sie Lebenshilfe, aber auch Transzen-

denz von der zeitlichen und räumlich begrenzten Dimension hin zum Ewigen, vom ängstlichen Misstrauen hin zu mutigem Vertrauen.

www.vogel-bildhauer.de
Elmar Vogel bei der Arbeit am Stein

Letzte Aktualisierung

am 4. Februar 2017