Unsere menschliche Suche nach Sinn und Bedeutung der unschönen und leidvollen Realität unseres Lebens ist die Suche nach Gott, ist die Sehnsucht nach Licht im Dunkel. Und so, wie wir anfangen, in den Dingen, die uns missfallen, Gott zu suchen, so wird Gott dadurch genötigt, uns in eben diesen Bereichen zu suchen. Was aber durch Gott gesucht wird, das wird auch gefunden werden, denn Gottes Suchen ist ein stetes geistiges Durchdringen. Dieser Vorgang ist wechselseitig. Was heißt das? Fangen wir an, nach Sinn und Bedeutung der Dinge zu suchen, die wir bisher für sinn- und bedeutungslos hielten, so suchen wir Gott in ihnen und durch dieses Suchen tragen wir Sinn ins Sinnlose, tragen wir Geist ins Geistlose, tragen wir Leben in den Tod. Jesus selbst ist uns darin Vorbild.
Verfolgung, Anklage, Folter, Prozess und Hinrichtung Jesu waren ja objektiv betrachtet ein Unrecht – eine große Geist- und Sinnlosigkeit. Doch bei dieser rein menschlichen Beurteilung bleibt Jesus nicht stehen, er transzendiert dieses furchtbare Geschehen für sich selbst und gelangt damit gedanklich über das bisher Endgültige und Unabänderliche dieses Daseins hinaus. Konkret, durch sein Vertrauen in die Bedeutung und Notwendigkeit seines leidvollen Schicksals verleiht er ihm Bedeutung und Notwendigkeit. So hat er rein subjektiv in dieser an ihm verübten, ungerechten Wirklichkeit das Wirken des Geistes erkannt, und aus dieser vertrauensvollen Einsicht gewann er jenen Trost, der es ihm möglich machte, über solches Leid hinaus zu denken und dadurch die Welt gedanklich zu überwinden. Damit zeigt er beispielhaft, dass die objektive Qualität unseres Daseins an der subjektiven Beurteilung durch uns selbst hängt. Nicht die Menschen, die sich an ihm vergingen, sind am Ende die Übeltäter. Hier, in dieser Überzeugung, handelt Gott selbst, aber eben nicht unabhängig und anonym, sondern durch die persönliche und subjektive Einsicht Jesu in die Sinnhaftigkeit seines leidvollen Sterbens wurde Gott durch ihn zum Handelnden gemacht. Hat Gott Leidvolles und Unerträgliches über seine Kreatur verhängt, so wird er durch diese Geisteshaltung zu einer neuen Schöpfung genötigt. Mit anderen Worten, Gott, der es vermag, sich über alles Leid zu erheben, wird seine Kreatur teilhaben lassen an dieser Erhabenheit, soweit sie ihr Vertrauen auf ihn, der fortwährend Geist und Sinn (sich selbst) schafft, setzt. Doch warum will Gott gerade durch Sinnloses und Geistloses Neues schaffen? Eben weil das Sinnlose, ein geistiges Vakuum, einen leeren „Raum“ erzeugt, weil dort, wo es vertrauensvoll getragen wird, das Sinnlose nach Sinn ruft und das Geistlose nach Geist – rufen diese Zustände nach einer Verwandlung. Damit dies aber möglich würde, verlieh der Geist einem Menschen die Fähigkeit, kraft einer allumfassenden Erkenntnis, Gott (das Leben) auch dort zu suchen und zu finden, wo ihn bisher kein Mensch vermutete, nämlich in Ungerechtigkeit, in Leid und im Tod. Darin liegt das Neue und Außergewöhnliche der Botschaft Jesu.
Zweifellos könnte man diese Auffassung auch als Zynismus bezeichnen oder als eine Verhöhnung all derer, die im Laufe der Weltgeschichte zu Unrecht gelitten haben und gestorben sind. Doch Jesus weist immer wieder auf die Notwendigkeit allen Leides und Sterbens dieser Welt hin, und er klammert sich selbst aus diesem Geschehen nicht aus. Erst wenn wir die Unumgänglichkeit und damit die Notwendigkeit von Leid und Tod subjektiv erkennen, können diese Geschehnisse für uns objektiv Sinn und Bedeutung erhalten.