Ein reines Herz ist nicht etwa Tadellosigkeit der Gedanken, sondern ein Zustand, in dem wir die eigene unvollkommene „Gestalt“ vorbehaltlos vor unserem inneren Auge aufdecken und betrachten; denn die Erkenntnis der eigenen wahren Gestalt ist jenes Schauen Gottes, von dem in der Bergpredigt die Rede ist:
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Matthäus 5,8
Selbsterkenntnis wiederum lehrt uns die Tugend der Demut, und Demut bzw. der Mut unserem Mitmenschen zu dienen, bewahrt uns davor, ihn zu verurteilen. Sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst zu werden, heißt nichts weniger, als von Gott gesehen und betrachtet zu werden.
Hier nehmen wir gewissermaßen die einzig mögliche „Gestalt“ an, in welcher Gott uns Menschen „sieht“, nämlich unvollkommen, ausgeliefert, preisgegeben, arm, krank und schwach. Von Gott „gesehen“ werden, ist wiederum gleichbedeutend mit der unmittelbaren Erkenntnis Gottes – dem Schauen Gottes.
Nicht also der Versuch, äußerliche Tadellosigkeit herzustellen, sondern aufrichtige Selbstkritik schafft uns jenes reine Herz, von dem in der Bergpredigt die Rede ist. Aufrichtige Selbsterkenntnis ist die Grundlage für die geistige Gesundung und damit für die grundlegende Heilung des Menschen.
Das Auge mit dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge mit dem Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge ist ein und dasselbe Auge ... Meister Eckhart