Sa
24
Jul
2010
Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. Matthäus 5, 23–24
Die Gute Handlung hängt allein ab von unserer inneren Wandlung! Hier legt Jesus dar, inwiefern sich rituelle gottesdienstliche Handlungen von wirklichem Dienst an Gott unterscheiden: Dienst an Gott ist immer auch ein Dienst am Menschen! Deshalb betrachtet Jesus jede gottesdienstliche Handlung, die nicht dem Frieden zwischen uns und unserem Mitmenschen dient, als sekundär.
Gottesdienst heißt im Sinne Jesu vor allem Sinnesänderung: Vom Unwillen hin zum Wohlwollen, vom feindlichen zum friedlichen und freundlichen Gedanken. Geopfert wird dabei nichts Äußerliches im vordergründigen Sinne, sondern unser persönlicher Unwille. Grundlage eines echten Gottesdienstes ist der aufrichtige Wunsch und Wille, alles Hinderliche, das die Menschen entzweit und voneinander trennt, zu überwinden. Wer das Gesetz auf diese Weise zu erfüllen versucht, der ist über den Buchstaben des alten Religionsverständnisses hinausgewachsen. Aussöhnung mit meinem Nächsten bedeutet auch hier wieder die ehrliche Bereitschaft zu innerer Größe und der Entschluss, Vergebung und Barmherzigkeit zu üben. Diese innere Haltung schafft die Stätte Gottes, d.h. sie schafft einen heiligen Ort in uns. Wenn wir auch solche innere Größe von unserem Feind nicht immer erwarten können, so sollen wir sie doch von uns selbst fordern und üben, indem wir freundlich auf ihn zugehen um auf diese Weise innerlich frei zu werden von Hass und Groll. Die so gewonnene Freiheit von uns selbst schafft Authentizität, schafft Wahrhaftigkeit. Was heißt das konkret? Verwehren wir uns gegen die Aufforderung Jesu, Frieden zu schließen mit unserem Mitmenschen zugunsten ritueller Handlungen, so entsprechen wir in unseren Gottesdiensten nicht dem Willen Gottes, sondern unserem eigenen menschlichen. Betrachten wir die Liebe (Gott) und den Willen zur Versöhnung als etwas Zweitrangiges, wird selbst unsere allergrößte äußerliche Aufopferung
wertlos sein.
Besser als das Opfern äußerlicher Dinge ist das Opfer, das wir der Erkenntnis darbringen.
Jede Handlung ist ohne Ausnahme in der Erkenntnis enthalten. Bhagavad Gita
Die Versöhnung mit unserem Mitmenschen ist der Schlüssel zur Versöhnung
mit Gott. Sicher, diese Haltung verlangt, dass man sich selbst bedingungslos
zurücknimmt, doch hierin liegt der Charakter des wahren, gottgefälligen Opfers.
Meister Eckhart lehrte, dass der Mensch sich selbst lassen muss, um Gott zu
gewinnen, was nichts anderes bedeutet, als dass er von seinen vordergründigen,
menschlichen Absichten ablassen muss, um zu den göttlichen zu finden:
Ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Meister Eckhart
So bildet unsere Bereitschaft, Frieden zu schließen, die einzige echte Grundlage
für gottgefälliges Tun. Friedfertigkeit ist das Wesen der neuen Gesinnung, die
uns Jesus hier vermittelt. Gottesdienste und persönliche Opfer tragen dabei nicht
den Charakter einer Gegenleistung durch Gott, denn der Friede, den wir zu
schließen bereit sind, fällt auf ganz selbstverständliche Weise auf uns selbst
zurück. Dennoch liegt in solcher Art von Gottesdienst keine Erwartungshaltung;
denn durch unser Vertrauen in die Richtigkeit der Botschaft Jesu geschehen solche Gottesdienste aus Einsicht in die Notwendigkeit, und das bedeutet, sie
geschehen weder aus Berechnung noch aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe
zu Gott und Mensch. Dadurch sind sie authentisch geworden. Deutlich wird dieser Aspekt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter:
Es stand aber ein Schriftgelehrter auf, der versuchte ihn öffentlich bloßzustellen und sprach: Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« Jesus aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Der Schriftgelehrte aber wollte sich damit nicht begnügen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Tempeldiener: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter1 aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein
Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! Lukas 10,25–37
Dieses Gleichnis erhält seine Brisanz durch die ungeheuerliche Vorstellung,
ein Samariter könnte den Willen Gottes tun, was aus damaliger jüdischer
Sicht absolut undenkbar war. Dennoch wertet Jesus das Mitgefühl, aus dem
der Samariter hier gegen seinen Mitmenschen handelt, höher als jenes rein
rituelle Gottesdienstverständnis, das es dem Priester und dem Tempeldiener
nicht gestattete, den Verwundeten zu berühren. Damit stuft er die unbefangene
Handlungsweise des Samariters, der sich zu Gunsten der Menschlichkeit
über jegliches Reinheitsgebot hinwegsetzt, höher ein als die formale
Zugehörigkeit zur Gruppe des Gottesvolkes. Gleichnishaft stehen die beiden
Orthodoxen (Priester und Tempeldiener) für jene Glaubensgemeinschaften,
die sich als Zugehörige der wahren Religion verstehen und darüber die Liebe
und die Menschlichkeit vergessen haben.
Mi
14
Jul
2010
Vertrauensvolle Annahme menschlicher Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit sowie die Auseinandersetzung mit Leid und Tod sind die unabdingbare Voraussetzung zur Wandlung unseres Daseins. Die
Wandlung des Bösen in der Welt hin zum Guten liegt in dessen gedanklicher Überwindung. In einer vertrauensvollen Auseinandersetzung mit aller menschlichen Schwäche und Unvollkommenheit liegt der
Schlüssel zu unserem Heil und Glück. Wo wir unser Dasein auf diese Weise bedauern, dort ist es kein anderer als Gott selbst, der uns bedauert. Haben wir aber das Bedauern Gottes geweckt, wird
Gott selbst zu uns kommen und unser Dasein von Grund auf erneuern. In der Gestalt Jesu hat er dies getan und tut es in seiner Botschaft durch die Zeiten hindurch.
Was der Leser hier vergeblich suchen wird, ist ein stichhaltiger Beweis für die Sinnhaftigkeit von Unrecht Leid und Tod, unabhängig von unserem persönlichen Werturteil diesen Geschehnissen
gegenüber. Denn, wie gesagt, ohne unsere subjektive Bewertung und Einwilligung kann auch eine objektive Wirklichkeit nicht gnädig bei uns ankommen. So stehen auch alle Antworten, die wir durch
die Botschaft Jesu finden, zunächst auf einer rein subjektiven, und somit innerlich-emotionalen Ebene. Das heißt, diese Antworten machen ihre Richtigkeit in dieser Welt von unserer inneren
Einwilligung, unserem Glauben abhängig. Es ist ähnlich wie in der bildenden Kunst oder in der Musik, man kann nicht umhin, zuvor selbst einen intuitiven Bereich zu betreten, um die Qualität einer
Interpretation grundlegend beurteilen zu können. Wer innerlich unbeteiligt bleibt, in der Meinung,
dadurch Objektivität zu wahren, nimmt emotional nicht wirklich Teil am Geschehen, denn das emotionale Element macht den wesentlichen Teil unserer menschlichen Wirklichkeit aus.
Auch die objektiv anmutende Antwort, die Jesus seinen Schülern zur Bedeutung seines eigenen Leidens und Sterbens gab, hat er in persönlicher Einsicht gefunden, d.h. es war eine Antwort, die er in
einer inneren Auseinandersetzung mit sich selbst fand. Nicht einmal seine engsten Begleiter konnten ihm hierin folgen, geschweige denn ihn gedanklich unterstützen. So musste er sich auch von
deren Meinung und Werturteil distanzieren, wie der folgende Bericht verdeutlicht:
Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am
dritten Tage auferstehen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von
mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
Matthäus 16,21–23
So hat Jesus den Sinn, den er für sich selbst erkannt
hatte, vehement abgegrenzt von einer Betrachtung, die aus rein menschlicher Sicht logisch und naheliegend gewesen wäre. Auch er musste sich hindurchringen zu einer überzeugenden Antwort, die er
für sich selbst glauben konnte und wollte.
Mo
05
Jul
2010
Hinsichtlich der Bedeutung menschlichen Scheiterns und Unterliegens und der Auferstehung aller wahren und zeitlosen Werte durch die selbstlose Geisteshaltung Jesu, möchte ich an dieser Stelle einige Gedanken über die hintergründige Bedeutung des Begriffs Taufe ausführen:
In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für "taufen" baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptein. Die Bedeutung des Begriffs reicht von "ein- oder untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben".
In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt, das ebenso wie das griechische Wort „tauchen“, „eintauchen“ bedeutet. Wie das gotische Wort daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (s. a. dippen) und das althochdeutsche toufen, auf ein Wort zurück, das im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird. Quelle Wikipedia
Nun war die Muttersprache Jesu aber nicht das Altgriechische, sondern das Aramäische, denn er lehrte das Volk in der damaligen Landessprache. Im Aramäischen lautet das Wort für Taufe mamodita, das sich vom hebräischen amad ableitet und Aufstehen bedeutet. Die Wurzeln des Verbs amad wiederum gehen zurück auf den hebräischen Begriff amuda = Pfeiler. Vor diesem Hintergrund ist Taufe eher als ein Untergangs- bzw. Auferstehungsritual aufzufassen. Das heißt, neben dem Aspekt des Reinwerdens geht es auch um die innere Bereitschaft zu unterliegen (zu fallen und zu sterben) um danach erneut aufzustehen - um wieder aufgerichtet zu werden.
Damit wird deutlich, dass der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden muss, als wir ihn aus dem kirchlichen Rahmen kennen. Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht, die damals neben den Gruppierungen der Pharisäer und Sadduzäer eine besondere Form des Judentums vertrat. Stark für diese Vermutung sprechen die großen Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei den archäologischen Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer zum Vorschein kamen. Hier war erstmals ein Untertauchen des ganzen Körpers möglich. Hinsichtlich des vollständigen Untertauchens unterschied sich dieser Ritus von den religiösen Waschungen des alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass auch Johannes der Täufer in der Tradition der Essener stand, später eigene Wege ging. So setzte er gegenüber der Essenertaufe weitere, neue Akzente: das Untertauchen in lebendigem Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – d. h. sein Taufbegriff war frei vom essenischen Elitegedanken. Der Begriff Lebendiges Wasser hat in der Sprache des Neuen Testaments eine doppelte Bedeutung. So bezeichnete man fließende (frische) Gewässer allgemein als lebendiges Wasser. Wohl aus diesem Grund taufte Johannes die Menschen, die zu ihm kamen auch in einem Fluss, dem Jordan. Auch Jesus verwendet den Begriff lebendiges Wasser jedoch bereits in einem übertragenen Sinne, wie aus dem Dialog mit der Samaritanerin hervorgeht, die den Begriff im herkömmlichen Sinne als fließendes bzw. frisches Wasser (im Gegensatz zu stehendem, abgestandenem Wasser) auffasst:
Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „ Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern) Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht. Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde“ Jesus erwiderte: „ Jeder der von diesem Wasser trinkt, wird danach wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen…
Johannes 4,6-15
Obwohl Johannes der Täufer eine neue, populärere Form der Taufe schuf, ahnte er doch, dass die Taufe als reines Wasserritual noch nicht zu ihrer eigentlichen Bedeutung gefunden hatte. So erklärt er freimütig:
Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen. Lukas 3,16
Tatsächlich interpretiert Jesus den Taufbegriff für sich selbst bereits nicht mehr im Sinne Johannes des Täufers, sondern vielmehr im ursprünglichen Sinne des Wortes mamodita. Und wie von Johannes dem Täufer angekündigt, kommt bei Jesus ein neuer transzendenter Aspekt hinzu: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit dieser Welt und damit als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. So bezieht Jesus den Begriff Taufe ganz konkret auf seine eigene Verurteilung und Hinrichtung am Kreuz, wie in folgenden Aussagen deutlich wird:
Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
Markus 10,38
Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist!
Lukas 12,50
Dennoch bleibt die eigentliche und ursprüngliche Symbolik des Untertauchens im hintergründigen Sinne erhalten. Das heißt, Taufe ist in den Augen Jesu Sinnbild für ein temporäres Untergehen, Scheitern, Unterliegen, Leiden und Sterben, damit das zeitlose Element (der Geist) umso kraftvoller wieder auferstehen kann. Hier ist es nun das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (Pfeiler = amuda), das mit dem ursprünglichen Taufbegriff zusammen geht, das Jesus für sich so interpretiert:
Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3,14
Hier bezieht er sich auf ein Geschehen aus dem 4. Buch Mose, das er als Hinweis auf die transzendente Bedeutung seiner eigenen Kreuzigung und insofern als Erfüllung der Schrift versteht:
Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 4.Mose 21, 8
Auch wenn in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus getauft wurde, und dass er taufte, so erfahren wir in einem Nebensatz des Evangelisten Johannes, dass er selbst nicht taufte, dass es vielmehr seine Jünger waren, die den johannäischen Ritus weiter pflegten, wobei er sie gewähren ließ:
Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes - obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger - verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. Johannes 4,1-3
Derselbe Evangelist Johannes schildert noch eine weitere Begebenheit, die uns das transzendente Taufverständnis Jesu verdeutlicht. Es ist der Bericht von der sog. Fußwaschung, am Vorabend seiner Verhaftung und Hinrichtung:
…da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um.
Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Johannes 13,4-17
Dass es Jesus hier weniger um körperliche Reinheit ging, wird aus dem Kontext deutlich. Und Jesus präzisiert seinen Begriff der Reinheit schon wenige Sätze später in seinem Gleichnis vom Weinstock:
Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Johannes 15,3
Doch selbst der Jünger Petrus missdeutet die Handlung Jesu und betrachtet sie als eine besondere Form der Wassertaufe, daher seine Bitte, Jesus möge ihm auch den Kopf und die Hände waschen.
Somit ist Taufe entsprechend dem Verständnis Jesu der Beginn einer vertrauensvollen Haltung, in der wir jedes Scheitern, Unterliegen, selbst das eigene Sterben, tragen und somit dem Leid, verursacht durch eigenes Versagen oder durch höhere Gewalt, eine neue Qualität verleihen. Alles Leid, alle Ächtung oder Strafe, die wir in der Geisteshaltung Jesu tragen, hat aufgehört, Strafe Gottes zu sein. Im Geist Jesu wird alles Unterliegen und Scheitern zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hierin finden wir zu jener geistigen Taufe, in der Jesus sein eigenes Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich selbst will, weil sie sich ihres unvergänglichen Wertes bewusst geworden ist, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Unterliegen wird nur das, was seinen wahren Wert nicht gefunden hat, und deshalb irrtümlicherweise für wertlos erachtet wurde. Was seinen zeitlos-gültigen Wert erkannt hat, kann nicht endgültig zu Grunde gehen. Hier ist die Grundlage des Auferstehungsgedankens: Eben, weil Jesus die Konsequenz dieses Gedankens in seiner ganzen Tiefe erkannt hatte, war er bereit, das Äußerste auf sich zu nehmen und sein Leben hinzugeben. Diese Form der Hingabe ist die eigentliche Taufe im Sinne Jesu. Was heißt das? Die Preisgabe unserer selbst, d. h. das Opfer der äußeren Form ist sinnbildlich gesprochen, ein Untertauchen in das Luftlose - ein Hinabsteigen in die geistlosen Bereiche dieser Welt. Weil das göttliche Element weder behindert noch ausgelöscht werden kann, wird es alles Geist- und Sinnlose mit Geist erfüllen, und wird in einer neuen kraftvollen Form wiederkehren.