Mi
14
Jul
2010
Vertrauensvolle Annahme menschlicher Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit sowie die Auseinandersetzung mit Leid und Tod sind die unabdingbare Voraussetzung zur Wandlung unseres Daseins. Die
Wandlung des Bösen in der Welt hin zum Guten liegt in dessen gedanklicher Überwindung. In einer vertrauensvollen Auseinandersetzung mit aller menschlichen Schwäche und Unvollkommenheit liegt der
Schlüssel zu unserem Heil und Glück. Wo wir unser Dasein auf diese Weise bedauern, dort ist es kein anderer als Gott selbst, der uns bedauert. Haben wir aber das Bedauern Gottes geweckt, wird
Gott selbst zu uns kommen und unser Dasein von Grund auf erneuern. In der Gestalt Jesu hat er dies getan und tut es in seiner Botschaft durch die Zeiten hindurch.
Was der Leser hier vergeblich suchen wird, ist ein stichhaltiger Beweis für die Sinnhaftigkeit von Unrecht Leid und Tod, unabhängig von unserem persönlichen Werturteil diesen Geschehnissen
gegenüber. Denn, wie gesagt, ohne unsere subjektive Bewertung und Einwilligung kann auch eine objektive Wirklichkeit nicht gnädig bei uns ankommen. So stehen auch alle Antworten, die wir durch
die Botschaft Jesu finden, zunächst auf einer rein subjektiven, und somit innerlich-emotionalen Ebene. Das heißt, diese Antworten machen ihre Richtigkeit in dieser Welt von unserer inneren
Einwilligung, unserem Glauben abhängig. Es ist ähnlich wie in der bildenden Kunst oder in der Musik, man kann nicht umhin, zuvor selbst einen intuitiven Bereich zu betreten, um die Qualität einer
Interpretation grundlegend beurteilen zu können. Wer innerlich unbeteiligt bleibt, in der Meinung,
dadurch Objektivität zu wahren, nimmt emotional nicht wirklich Teil am Geschehen, denn das emotionale Element macht den wesentlichen Teil unserer menschlichen Wirklichkeit aus.
Auch die objektiv anmutende Antwort, die Jesus seinen Schülern zur Bedeutung seines eigenen Leidens und Sterbens gab, hat er in persönlicher Einsicht gefunden, d.h. es war eine Antwort, die er in
einer inneren Auseinandersetzung mit sich selbst fand. Nicht einmal seine engsten Begleiter konnten ihm hierin folgen, geschweige denn ihn gedanklich unterstützen. So musste er sich auch von
deren Meinung und Werturteil distanzieren, wie der folgende Bericht verdeutlicht:
Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am
dritten Tage auferstehen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von
mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
Matthäus 16,21–23
So hat Jesus den Sinn, den er für sich selbst erkannt
hatte, vehement abgegrenzt von einer Betrachtung, die aus rein menschlicher Sicht logisch und naheliegend gewesen wäre. Auch er musste sich hindurchringen zu einer überzeugenden Antwort, die er
für sich selbst glauben konnte und wollte.